„Du lernst mich nicht kennen, ohne dich mir anzuvertrauen“, sagen die drei vermummten Männer, die das Leben darstellen, zu Melchior Gabor. Sie verkörpern einen deus ex machina und bewahren somit den jungen Mann, der seinem verstorbenen Freund Moritz Stiefel in den Freitod folgen will, in letzter Minute vor einem folgenschweren Schritt.

Rettung in letzter Sekunde – das Leben greift ein!

Doch gerade das Vertrauen ist für die Heranwachsenden in Frank Wedekinds Drama „FrühlingsErwachen“ keine einfache Sache. Das 1891 mit dem Untertitel „Eine Kindertragödie“ erschienene gesellschaftskritisch-satirische Stück erregte gleich nach seiner Fertigstellung die Gemüter der wilhelminischen Gesellschaft, deren tabuisierende Sexualmoral mit ihren repressiven Folgen Wedekind brandmarken wollte. So wurde das Stück erst 1906 in Berlin uraufgeführt, dessen Handlung auf dem Suizid zweier Mitschüler des Autors basiert. Mittlerweile jedoch hat es das Skandalstück von einst sogar als Schullektüre in die Klassenzimmer geschafft, da es trotz insgesamt liberalerer Ansichten immer noch die Sorgen und Nöte der Jugendlichen anspricht. „FrühlingsErwachen“ ist also durchaus keine leichte Kost, da der Selbstfindungsprozess der Jugendlichen untrennbar mit den Themen Liebe, Hoffnung und Verzweiflung, aber auch Sexualität und Tod verknüpft wird. Dennoch hat sich das Schülertheater des Robert-Schuman-Gymnasiums in Cham um Regisseur Wolfram Steininger an diese schwierige Vorlage gewagt – mit Erfolg!

Im Mittelpunkt der Geschichte stehen drei Jugendliche Melchior (Kilian Meierhofer, Q12), Wendla (Leonie Rötzer, Q11) und Moritz (Hannah Baltes, Q11), die auf der Suche nach der Liebe und dem Leben sind und dabei scheitern. Das Leben der beiden Jungen pendelt zwischen den aus „Zentralamerika, Ludwig XV., 60 Versen Homer und sieben Gleichungen“ bestehenden Hausaufgaben und den ersten „männlichen Regungen“.

Moritz und Melchior im Gespräch über männliche Regungen

Moritz werden seine schlechten Zensuren zum Verhängnis. Als er nicht versetzt wird, begeht der labile Junge Selbstmord. Unglücklicherweise findet sich bei ihm eine von seinem Freund Melchior verfasste Broschüre unter dem Titel „Der Beischlaf“, woraufhin sich dieser nun vor Frau Rektor Sonnenstich (Miriam Frisch, 9c) und dem Lehrerkollegium rechtfertigen muss und von seinen Eltern (Magalena Merkler, Q11, und Anton Bauer, Q12) in eine Erziehungsanstalt geschickt wird, um dort Werte und Haltung zu lernen. Dabei bewegt den Jungen zeitgleich ein ganz anderes Problem. Er hatte sich nämlich in die 14-jährige Wendla Bergmann verliebt, die anders als ihre Freundin Martha (ebenfalls Miriam Frisch, 9b) zwar nicht körperlicher Gewalt ausgesetzt ist, doch von ihrer Mutter (Zoé Mißlinger, 9a) in die Rolle eines kleinen Mädchens gezwungen wird, das noch an den Klapperstorch glaubt.

(K)Ein Aufklärungsgespräch – Wendla weiß nichts über die Liebe

So hat ein Treffen mit Melchior im Heu Folgen – Wendla wird schwanger. Ihre Mutter sorgt, um die Schande zu verbergen, für eine Behandlung der „Bleichsucht“ und das Mädchen stirbt an den Folgen der Abtreibung. Melchior, der sich als Hauptschuldigen sieht, will seinem Freund Moritz in den Tod folgen, wird aber durch die eingangs erwähnten vermummten Herren (Isabell Bauer, 10c, Ruth Kastner, 9b, und Karolina Stahlmann, Q12) gerettet.

Wunderbar hat Regisseur Steininger mit seinen Schülern die bunte und ambivalente Stimmungswelt des Wedekindschen Dramas eingefangen. Szenen launiger Heiterkeit wie etwa die nur hörbare Masturbation des Schülers Hänschen Rilow (Anne Meierhofer, 9c), der Aufklärungsunterricht Frau Bergmanns oder die von der herrischen Schulleiterin Sonnenstich geleitete Lehrerkonferenz wechseln mit erotischen Szenen wie etwa dem Treffen Melchiors mit Wendla oder dem Liebesspiel zwischen Gertrud (Marlene Oswald, Q11) und Mechthild (Felicitas Roider, Q11) und Momenten großer Betroffenheit wie z.B. der Bestattung des Selbstmörders Moritz Stiefel.

Dabei haben die jungen Schauspielerinnen und Schauspieler sich auch nicht gescheut, die erotischen Szenen des skandalumwitterten Stückes anzudeuten. Hier überlässt vor allem das wie immer meisterhaft von Regisseur Steininger geschaffene Bühnenbild in Verbindung mit dem geschickten Licht- und Farbenspiel der Bühnentechnik vieles der Phantasie des Zuschauers. Zudem wurde auf diesem Wege auch die Dichotomie im Leben der Jugendlichen sichtbar, da im Hintergrund zur „offiziellen“ Bühnenhandlung zeitgleich hinter einem Vorhang nur schemenhaft die „inoffizielle“ Gefühlswelt der jugendlichen Liebesphantasien mit all ihren Spielarten visualisiert wird.

Kilian Meierhofer und Zoé Mißlinger danken Regisseur Wolfram Steininger

Abschließend lobte Schulleiter Günter Habel das großartige Engagement der Schülerinnen und Schüler sowie ihre mutige schauspielerische Leistung und betonte zudem die Kreativität des Regisseurs bei der Stoffbearbeitung, bei der Erstellung des Bühnenbildes und bei der annehmenden Probenarbeit mit den Schülern.