Wer kennt sie nicht die Heidi aus den Schweizer Bergen? Spätestens seit der Zeichentrickserie und dem zugehörigen Ohrwurm aus den Siebzigern ist das kleine Mädchen, das nach dem Tod seiner Eltern bei seinem in der Einsamkeit einer Alm lebenden Großvater, dem knorrigen Alm Öhi, aufwächst, Kult, vielleicht auch Kitsch. Wie die Zeichentrickserie so lehnt sich auch die Theateraufführung der Unter- und Mittelstufe des Robert-Schuman-Gymnasiums in Cham unter der Regie von Studienrat Michael Faltermeier sehr frei an die Bücher „Heidis Lehr- und Wanderjahre“ (1880) sowie „Heidi kann brauchen, was es gelernt hat“ (1881) aus der Feder von Johanna Spyri (1827-1901) an, doch ist die Tragikomödie „Heidi und Zombies... mit Einhörnern!“ in zweieinhalb Akten ganz anders – und das ist auch gut so! Denn hinter dem auf den ersten Blick kindischen Titel verbirgt sich ein sehr skurriles und gesellschaftskritisches Werk, das den Zuschauer am Ende betroffen und nachdenklich zurücklässt.

Doch zurück auf Start! Der Alm Öhi (Felix Liedl, 8c, und Simon Amberger, 7b) lebt zurückgezogen von den anderen Menschen hoch auf dem Berg in seiner eigenen Märchenwelt – ohne Mädchen, ohne Dialekt und mit seinen Einhörnern. Einzig Peter (Benedikt Wolfrum, 8b, und Julian Frisch, 7b) lebt als Hirte der Einhörner mit dem Öhi zusammen und lernt von ihm im Gegenzug Hochdeutsch und Manieren. Als seine sowohl dialektal als auch olfaktorisch („Du hast wohl noch nichts von Nivea gehört?“) als Störfaktor empfundene Enkelin Heidi (Rebekka Plötz, 8b und Panna Beregszasy,7b) ins Leben des Griegrams tritt, ist der verstaubte Alm Öhi natürlich nicht begeistert. Dennoch lässt er seine Überlegungen, die Heidi (den Berg) hinabzustoßen, fallen und nimmt sie bei sich auf – unter der Bedingung, dass sie Hochdeutsch spricht und Manieren lernt.

Karate-Öhi? Unterricht in der Kampfkunst

Alles könnte so schön sein, doch es gibt eine Bedrohung, da Zombies sich einem Einhorn des Großvaters und schließlich sogar seiner Hütte nähern. Zum Glück kehrt die vom Großvater kurzfristig nach Frankfurt evakuierte Heidi mit ihrer Freundin Klara (gespielt von Alisa Berisha, 8b, und Emily Kopitzky, 7a) im Gepäck zurück. Nach einer kurzen Unterweisung in Kampfkünsten durch den Alm Öhi gelingt es den Almbewohnern die Zombies in einer epochalen Battle, die durchaus an die launigen Prügelorgien der Bud Spencer-und-Terence Hill-Filme erinnerte, zu vernichten und so ihre heile Welt zu retten! Mit diesem heiter-blutigen Happyend ging es für die Gäste in die Pause, in der sie von der SMV um Robert Stögbauer stilgerecht bewirtet wurden.

Abgerechnet wird zum Schluss – der Alm Öhi serviert einen Zombie ab!

Zu Beginn des zweiten Teils berichtet der Geist der Geschichte (Alesha Heldt, 8a) dem Publikum, dass es immer auf eine zweite Perspektive ankommt und dass sie sich daher dieselbe Geschichte noch einmal ansehen sollten – allerdings unter einem etwas veränderten Blickwinkel und auch die Darsteller haben gewechselt! Und in der Tat wird die Geschichte der Menschen mit dem gleichen Wortlaut gespielt wie zuvor. Nur können die Zombies, die sich im ersten Teil mit unartikulierten Lauten geäußert haben, nun für das Publikum verständlich sprechen. So werden aus den grausigen Zombies nun „Gammel Annerl“ (Jasmin Paulus, 7c), „Ranziger Franz“ (Johannes Brunner, 7a), „Blind Linda“ (Laura De Pascalis, 8a), „Morsch Schorsch“ (Philipp Zistler, 8c), „Tot Otto“ (Erika Hahn, 8b) und „Faul Paul“ (Timo Ertl, 8a).

Es stellt sich sogar heraus, dass diese recht fürsorgliche Wesen sind und sich dem Einhorn nur nähern, um ihm zu helfen. Die Prügel durch Peter und Heidi erscheinen nun in einem anderen Licht. Auch der Angriff  auf die Hütte des Alm Öhi erweist sich als ein freundschaftlicher Besuch, der zuvor so launige Abwehrkampf der Almbewohner verkommt unter den veränderten Rahmenbedingungen zum grausamen Massaker. So endet der zweite Teil des Theaterstückes, doch ist von einem Happyend keine Spur mehr, das Publikum bleibt betroffen zurück.

Daher tritt noch einmal der Geist der Geschichte auf, diesmal allerdings in Gestalt der Realität, und schließlich erscheint auch Regisseur Michael Faltermeier selbst auf der Bühne. Er berichtet, dass er sich eigentlich gewünscht habe, dass ein Flüchtling an dieser Stelle seine Lebensgeschichte erzähle, was allerdings an der Angst der Menschen gescheitert sei. Daher rufe nun er an deren Stelle dazu auf, sich stets um eine andere Perspektive zu bemühen und auch Menschen, die dem Aussehen nach anders und bedrohlich wirken, anzunehmen und ihnen eine Chance zu geben.

Der Regisseur als deus ex machina – Michael Faltermeier appelliert für die überlegte Suche nach einem zweiten humanen Blickwinkel!

Mit diesem Appell endete das nachdenkliche Stück und auch Schulleiter Günter Habel war sichtlich betroffen ob der eindringlichen Botschaft des Stückes. Er lobte die schauspielerische Leistung der Akteure, die sich die Bühne meisterlich erspielt hatten, und auch die Intention und das Engagement Michael Faltermeiers, der hier in Zusammenarbeit mit den Fachschaften Kunst und Musik mit diesem Stück sein Regiedebüt am RSG gegeben hatte.