„Über uns webt das Schicksal Knoten in unser Leben“
Wolfram Steininger inszeniert Horváths „Geschichten aus dem Wiener Wald“ mit der RSG-Schulspieltruppe
So fröhlich und beschwingt wie der namensgebende Walzer von Johann Strauß kommen diese „Geschichten aus dem Wiener Wald“ nicht daher, die sich die Schulspieltruppe am Robert-Schuman-Gymnasium in diesem Schuljahr vorgenommen hat. Ödön Horváth hinterlässt eher einen bitteren Nachgeschmack. Jedoch bleibt beim Zuschauer vornehmlich Begeisterung zurück über junge Schauspieler, die es geschafft haben, ihr Publikum mit hineinzunehmen in die Windungen der Schicksalsknoten, die es zu entwirren galt, auf der vergeblichen Suche nach einem guten Ende.
Alle möglichen Facetten des Menschenlebens beleuchtet Horváths Volksstück in drei Teilen. Liebe, Schmerz, Eifersucht, Sexualität, Hinterlist, Leid und Versöhnung werden miteinander verwoben. Vordergründige Komik verknotet sich mit entsetzlicher Tragik und schließlich endet das Stück in einem beunruhigenden Schwebezustand zwischen Happy End und Katastrophe.
Marianne, überzeugend dargestellt von Pia Walther, ist seit Jahren dem unsensiblen Fleischer Oskar versprochen, verliebt sich jedoch am Tage ihrer offiziellen Verlobung Hals über Kopf in Alfred, einen argen Nichtsnutz mit Hang zu Frauen und zum Glücksspiel. Von ihrem Vater, dem Zauberkönig, der selbst kein Kind von Traurigkeit ist und dem David Binder gekonnt seine ganz persönliche Note verlieh, wird Marianne daraufhin verstoßen. Weil das Paar ein gemeinsames Kind nicht ernähren kann, gibt Alfred, dessen unredlichen Charakter man Paul Gebhard voll und ganz abnahm, es in die Wachau zu seiner Mutter und Großmutter in Obhut. Nicht nur daran zerbricht die Beziehung. Immer wieder versuchen nun einzelne Dramengestalten die Knoten des Schicksals eigenmächtig zu entwirren, was jedoch stets misslingt. So auch Valerie, die neben der Puppenklinik des Zauberkönigs ein Tabakgeschäft betreibt. Als sie es endlich schafft, Marianne mit ihrem Vater zu versöhnen, ist dessen Enkelkind bereits tot.
Im Verlaufe dieser schicksalhaften Wiener Geschichten vergisst der Zuschauer immer wieder, wie viel davon den persönlichen Erfahrungsbereich der jugendlichen Schauspieler übersteigt. Denn es gelingt der Truppe mühelos, den Betrachter mit hineinzunehmen in den Strudel der skurrilen Gestalten, in deren Darstellung sich die Schüler in unzähligen Proben eingearbeitet, ja förmlich eingelebt haben.
Dabei sind es in diesem Jahr besonders viele Talente, die gleichzeitig auf der Bühne stehen. Sei es Pauline Lickl, die sich traute, die Körperlichkeit ihrer Rollenfigur Valerie in Szene zu setzen, sei es Jannis Gerstendorff, der den echten Wiener Schmäh „first class“ zelebrierte und selbst noch beim Verbeugen den Wiener Rittmeister verkörperte. Nicht zu vergessen ist Simone Kagermeier als Oskar, die dem Fleischer, der Marianne seine Liebe gewaltsam überstülpen will, mit ihrem kalten, festgewachsenen Grinsen einen undurchschaubaren Charakter verlieh. Durch starkes Spiel zeichnete sich auch Jens Breu aus als Erich, „mit echter deutscher Gesinnung“, dessen rollendes „r“ eine sehr unangenehme Gänsehaut verursachte. Zu erwähnen ist auch Romy Bachmeier, die zusammen mit Pia Walther gesanglich in dem Duett „Gitti“ von Voodoo Jürgens glänzte. Und nicht zuletzt war da Theresa Hackl, die als Frau Kapellmeister Wiener Musik beisteuert und ganz im Sinne der Textvorlage als klimpernde Realschülerin überzeugend die Ungeübte mimte.
Mit den beiden Abiturienten Kagermeier und Gebhard verlassen auch noch drei weitere Routiniers die RSG-Bühne: die Techniker und „Mädchen für alles“ Johanna Ebert, Konstantin Laußer und Vincent Steiniger, die in stummen Rollen als „hässliche Kinder“ für Lacher sorgten.
Wie man es von Steininger gewohnt ist, trug aber einmal mehr das Bühnenbild in Form einer mehrstöckigen Häuserfassade dazu bei, mitten in einer Schulturnhalle die Illusion einer echten Theaterbühne zu kreieren: riesige Schweinehälften, ein funktionierender Glücksspielautomat, überdimensionale Eistüten und immer wieder öffnete sich eine Tür in den nächsten menschlichen Abgrund.
Neben dem phänomenalen Bühnenbild, ausgestattet mit viel Liebe zum Detail und aufgebaut von der Theatergruppe selbst, gelang es Steininger, stets die perfekte Bühnenchoreografie einzustudieren, besonders wenn viele Schauspieler gleichzeitig auf den Plan traten. So betonte der Besuch im Nachtclub Maxim oder der slapstickartig choreographierte Aufbruch dorthin besonders die skurrilen Charaktere, indem sie im Dunklen den Weg durchs Publikum suchten und dabei immer wieder die Richtung verloren.
Regisseur Steininger hob am Ende die Gesamtleistung des Ensembles hervor und stellte heraus, dass von Bühnen- und Kulissenbau über Licht und Tontechnik alles aus Schülerhand entstanden sei. Somit konnte am Ende diesem RSG-Theater mit Fug und Recht das Prädikat „First Class“ verliehen werden.
In weiteren Rollen glänzten: Sophia Baltes, Charlotte Lankes, Katja Frank, Greta Rudolph, Theo Smola, Keni Kimmel, Susanne Münch, Antonia Willnhammer, Eva Stanilewicz, Maia Zimmermann, Amelie Thurner, Maximilian Späth, Severin Meierhofer und Johannes Pongratz.
Autor: Susanne Frisch
Bilder: Dr. Tobias Hanauer
Valerie: „Aber Herr Rittmeister! Das ist halt das Glück in der Liebe!“
Zauberkönig: „Marianne! Wo stecken denn meine Sockenhalter?“
Tante: „Möchtens nicht mal die Kinderl allein abfotografieren, die sind doch heut so herzig!“
Alfred: „Fotografiert er gern, der Herr Bräutigam?“
Valerie: „Und mit wem i zam bin, geht di an Schaß an!“
Emma: „Mir scheint gar, Sie sind ein Casanova, Herr Havlitschek!“
Der Hierlinger Ferdinand: „Das ist eine junge Dame, die ein starkes Interesse an der rhythmischen Gymnastik hat.“
Rittmeister: Also das muss ich schon sagen: die gestrige Blutwurst – Kompliment! First class!
Marianne: „Ich hab mir das zwar auch mal ganz anders vorgestellt, aber nun lebe ich das zu Ende.“







